Tjukurrpa: Die "Traumzeit" als Lebensführer der Aborigines

Die Ureinwohner:innen Australiens besiedeln das Land bereits seit mindestens 50.000 Jahren. Ihre Kultur, Weltanschauung und Mythologie heben sich deutlich von denen der westlichen Welt ab. Eine zentrale Bedeutung nimmt dabei "Tjukurrpa" ein, eine spirituelle Schöpfungsgegenwart, die auch oft mit "Traumzeit" übersetzt wird. Was hinter dieser mythischen Parallelwelt der Aborigines steckt, erfährst du hier.

Aborigine hält Hände vor Augen
Die "Traumzeit" hat nur wenig mit unserem Konzept des Träumens zu tun. Foto: Canva.com

Die Urkultur der Aborigines

Tatsächlich gehen Forscher:innen davon aus, dass die Aborigines-Kulturen die ältesten noch existierenden Kulturen der Menschheitsgeschichte sein dürften (lat. "ab origine": "von Beginn an"). Denn ihre Ahnen bevölkerten schon vor etwa 50.000 Jahren den außergewöhnlichen Kontinent. Dadurch entwickelten sich in den verschiedenen Regionen des Landes und durch die vielen Stämme die unterschiedlichsten Ausprägungen der Kultur mit eigenen spirituellen Praktiken, Mythen, Anschauungen und Sprachen. Von letzteren soll es sogar zwischen 200 und 300 Stück gegeben haben. Vor 250 Jahren änderte sich für die australischen Ureinwohner:innen jedoch alles, als die Europäer:innen ihr heiliges Land entdeckten und besiedelten. Durch neue Krankheiten, Auseinandersetzungen und den zunehmenden Raub ihres Lebensraumes wurde die Bevölkerung von etwa 500.000 auf um die 60.000 Menschen reduziert. Trotzdem gibt es bis heute noch hunderte Stämme in Australien, die ihre einzigartige Kultur am Leben halten.

Wichtig!

Die Ureinwohner:innen Australiens verstehen den Namen "Aborigines", der ihnen von westlichen Wissenschaftler*innen gegeben wurde, als abwertend. Sie bezeichnen sich stets mit den Namen ihres Stammes. Zu den größten zählen etwa die Pitjantjatjara, die Arrernte oder die Luritja.

"Tjurkurrpa", "Altjeringa", "Traumzeit": Die spirituelle Schöpfungsgegenwart

Neben all ihren Unterschieden verbindet ein zentrales Konzept die vielen Stämme miteinander. So gehen die Ureinwohner:innen davon aus, dass sie von Schöpfungswesen geschaffen wurden, die ihnen die einzelnen Regionen des Landes anvertraut haben. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, die Natur mit all ihren Lebewesen zu schützen und zu bewahren. Denn durch sie ist alles, Menschen, Tiere, Pflanzen, Vergangenheit und Gegenwart, Himmel und Erde in einem niemals endenden Kreislauf verbunden. Die Zeit der Schöpfung, in der die Welt mit dieser engen Verbindung entstand, bezeichnen die Stämme etwa als "Tjurkurrpa", "Altjeringa" oder "Palaneri". Diese Begriffe wurden von den Ethnologen Walter Baldwin Spencer und Francis James Gillen bei der Erforschung der Aborigines mit "Traumzeit" ("Dreamtime") übersetzt. Jedoch kann das irreführend sein, da das spirituelle Konstrukt nicht mit unserem Verständnis von Träumen gleichzusetzen ist. Die Ureinwohner:innen verstehen darunter viel mehr eine fortwährende Schöpfungsgegenwart oder auch Parallelwelt, die neben der Gegenwart existiert. In ihr bestehen sowohl die vergangenen Ereignisse zurück bis zur Entstehung der Menschheit sowie der weiterführende Entstehungsprozess bis in die Zukunft.

Handspuren in rotem Sand
Die spirituelle Energie der "Aborigine-Traumzeit" ist allgegenwärtig und ermöglicht es, in sie einzutauchen. Foto: Canva.com

So beeinflusst die "Traumzeit" das Leben der Ureinwohner:innen

Durch Rituale und Zeremonien können bestimmte Stammesmitglieder (z.B. Stammesführer, Clever Man/Medizinmann oder Law Man/Richter) mit der "Traumzeit" in Kontakt treten. Das Wissen, dass sie daraus ziehen, gaben sie seit Anbeginn nur mündlich von Generation zu Generation durch "Dreamtime Stories", Musik, Tänze oder Malerei weiter. Darauf basiert die gesamte Kultur samt Ethik, Kunst, Gesetze oder Verhaltensregeln in bestimmten Situationen (z.B. bei Flut oder Feuer) der Ureinwohner:innen. Um Tjukurrpa noch besser zu verstehen, findest du hier einige Annahmen und Traumzeit-Legenden:

  1. Für die Ureinwohner:innen gibt es keinen Gott, sie sehen die Welt als unendliches Wesen. Ein sehr wichtiges Schöpfungswesen ist jedoch die Regenbogenschlange, die aus dem Meer durch das Land schlängelte und die Geographie formte. Ihr Zuhause ist der heilige Berg "Uluru" (Ayers Rock). Die Geräusche des australischen Instruments Didgeridoo sollen ihre Vibrationen nachempfinden.

  2. Die unzähligen Traumzeit-Legenden und -Mythen ranken sich um tierische und magische Fabelwesen wie Schlangen-, Eidechsen-, Haifischmenschen oder Nixen, aus deren Geschichten sich Lehren ziehen lassen.

  3. Die Ereignisse der Traumzeit manifestieren sich in der Gegenwart in geographischen Gegebenheiten wie Bergen oder Flüssen.

  4. Um in die Traumzeit einzutreten müssen die beiden Welten miteinander verschmelzen. Dies ist nur mit einem erweiterten Geist, der vollen Hingabe an und Akzeptanz des Seins und von allem, was dazugehört (z.B. Schmerz, Trauer, Freude, Sex).

  5. Niemand kann jeweils das ganze Wissen der "Traumzeit" erfahren. Außerdem gibt es individuelle Traumpfade verschiedener Menschen, die aber miteinander verknüpft sind. Und auch das Wissen von Frauen und Männern ist getrennt und für das andere Geschlecht nicht zugänglich.

  6. Die Totem-Kultur einiger Stämme ist mit der "Traumzeit" und den als heilig verehrten Totemahnen verbunden. Jeder Mensch erhält nach Geburt ein Totem, das ihm Pflichten und Aufgaben für das Leben mitgibt.

  7. Nach dem Tod kehrt die Seele eines Menschen in die "Traumzeit" zurück.

„Wir alle sind Besucher dieser Zeit an diesem Ort. Unser Ziel ist es, zu beobachten, zu lernen, zu wachsen, zu lieben und dann nach Hause zurückzukehren“
Weisheit der australischen Ureinwohner:innen

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