Die neuen Sprachen der Liebe

Wie fühlen wir uns heute wirklich geliebt? Ein Blick auf vier neue Liebessprachen, die in modernen Beziehungen immer wichtiger werden.

Aufgeschlagene Buchseite mit einem Herz darauf
Foto: canva

Fast 35 Jahre ist es her, seit der US-amerikanische Beziehungsberater Gary Chapman mit seinem Buch „Die 5 Sprachen der Liebe“ Millionen ­Beziehungen verändert, ja vielleicht sogar gerettet hat. Was er anregte: herauszufinden, was man selbst, aber auch der:die Partner:in braucht, um sich geliebt zu fühlen. Dabei geht es nicht (nur) um tägliche Liebesschwüre oder einen Strauß Rosen, sondern um fünf verschiedene, grundsätzliche Liebessprachen: Worte der Bestätigung, Quality Time, körper­liche Berührung, Geschenke und Hilfsbereitschaft.

Die eine Person empfindet es als Liebesbeweis, wenn man sich täglich umarmt und küsst, die andere dagegen, wenn ihr der Lieblingstee morgens ans Bett gebracht wird. Und echte, dauerhafte Verbindung entsteht erst dann, wenn man eine gemeinsame Sprache entwickelt, so Chapman. „Die Möglichkeiten, Liebe mithilfe einer Liebessprache auszudrücken, sind nur durch die eigene Vorstellungskraft begrenzt“, betonte er. Und damals ahnte er noch nicht mal, welche Möglichkeiten die Zukunft noch mit sich bringen würde … Die Dating-Kultur war 1992 eine andere, Beziehungen waren weniger vielfältig, und das ­digitale Zeitalter stand noch nicht in den Startlöchern. Kurzum: Das beliebte Konzept seiner Liebessprachen ist heute nicht mehr up to date.

Deshalb hat die Autorin ­Alise Morales dem Thema „Love Languages“ ein Update gegeben: In ihrem neuen Buch „Love Lessons“ (Knesebeck, 20 €) setzt sie die fünf herkömmlichen Sprachen in einen neuen Kontext – und ergänzt sie durch vier neue Love Languages, die in unseren romantischen, aber auch freundschaftlichen Beziehungen und im Alltag wichtig sind. Hier stellen wir sie vor:

1. Grenzen respektieren

Diese Love Language bedeutet, wirklich feinfühlig für die Bedürfnisse der Partnerperson zu sein. Es geht darum, zu verstehen: Wie tickt mein Gegenüber? Was sind die Prioritäten, Erfahrungen oder wunden Punkte der Person? Grenzen darf man nicht mit Abgrenzung gleichsetzen. 
Sie sind in Beziehungen ein Zeichen von Vertrauen. Wer eine Grenze ausspricht, öffnet sich, in der Hoffnung, dass diese Offenheit zu mehr Achtsamkeit, Respekt und echter Nähe führt. Es ist nicht immer leicht, zu erkennen, was ­eine gesunde Grenze ist und was eine unfaire Forderung. Manche Menschen nutzen Grenzen dazu, andere zu kon­trollieren oder gar zu manipulieren. People Pleasers fällt es wiederum schwer, überhaupt Grenzen zu setzen und auch mal Nein zu sagen, weil ihre Angst vor Ablehnung zu groß ist (siehe auch unsere Geschichte zu Grenzen auf S. 60). Als Faustregel gilt also: Gesunde Grenzen beziehen sich auf das eigene Verhalten, nicht auf die Kontrolle des anderen. Was für die eine Person essenziell ist, kann für die andere übertrieben oder sogar unnötig wirken. Grenzen verändern sich – genau wie wir selbst. Entscheidend ist nicht, alles sofort verstehen zu müssen, sondern zuzuhören und bereit zu sein, sie wohlwollend zu interpretieren.

2. Emotionale Sicherheit

Sie ist eine der wichtigsten Grundlagen für jede Beziehung. Wir alle wollen uns sicher fühlen, wenn wir unsere Gefühle ausdrücken. Denn so sehr Gesten, gemeinsame Zeit oder Fürsorge zählen: Wenn man sich nicht traut, zu sagen, was man fühlt, und das Gegenüber genauso empfindet, fehlt ein zentraler Baustein für echte Nähe. Dass emotionale Sicherheit manchen Personen leichterfällt als anderen, hat oft mit unseren Bindungsstilen zu tun: Ein sicherer Bindungsstil zeichnet sich durch Vertrauen und Geborgenheit aus, ein ängstlicher kann dagegen emotionale Sicherheit durch ständige innere Alarmbereitschaft untergraben. Das kann bei Partner:innen dazu führen, dass sie sich emotional zurückhalten, aus Angst, etwas „falsch“ zu machen oder starke Reaktionen auszulösen. Personen mit einem vermeidendem Bindungsstil schützen sich eher vor Verletzlichkeit, indem sie emotionale Distanz wahren, Konflikte abwehren oder Nähe abwerten. Gefühle werden rationalisiert oder heruntergespielt, ­Bedürfnisse nicht klar benannt. Bei der Partnerperson entsteht dadurch oft das Gefühl, mit ihren Emotionen ­allein zu bleiben. Emotionale Sicherheit bedeutet nicht, Konflikte zu vermeiden oder immer ruhig zu bleiben. 
Sie entsteht, wenn auf Basis von Respekt, Verlässlichkeit und innerer Stabilität kommuniziert wird.

3. Gesundes Streiten

Meinungsverschiedenheiten gehören zu jeder Beziehung. Entscheidend ist, wie wir mit ihnen umgehen. Gesunde Debatten entstehen dann, wenn beide versuchen, die ­Perspektive des anderen zu verstehen, ohne sofort zurückzuschlagen oder innerlich schon den nächsten Einwand zu formulieren. Im besten Fall versucht man, nicht nur die eigene Sicht zu sehen, sondern auch die des Gegenübers nachzuvollziehen. Das bedeutet nicht, dass man allem ­zustimmen muss. Manchmal ist die klügste Lösung, das Gespräch kurz zu unterbrechen oder zu akzeptieren, dass man unterschiedlicher Meinung ist. Diskussionen können aber auch bereichernd sein. 
Sie schaffen Momente, in denen man einander wirklich zuhört, reflektiert und manchmal sogar überrascht wird: Vielleicht hat die andere Person in einem Punkt doch recht. Am Ende sind es diese respektvollen Auseinandersetzungen, die eine Beziehung lebendig halten, ohne dass es darum geht, wer „gewinnt“.

4. Gemeinsame Ziele & Erfahrungen

Ein erstes Date ist immer auch ein kleiner Testlauf: Passen unsere Ziele zusammen? Die stärksten Beziehungen entstehen, wenn man sich gegenseitig anfeuert – egal, ob es um große oder kleine Träume geht – und nach Wegen sucht, gemeinsame Ziele zu erreichen. Das kann alles sein: finanzielle Ziele, etwa zusammen auf ein Haus zu sparen, persönliche Ziele, wie gemeinsam eine neue Sprache zu lernen, oder Projekte, wie eine Wohnung zu renovieren. Diese Erlebnisse werden zu Erinnerungen, auf die wir ­immer zurückblicken werden, und die uns an gemeinsame Höhen und Tiefen erinnern. Denn selbst wenn ein Ziel mal nicht erreicht wird, gibt es immer jemanden, der das Leid mit einem teilt. Gemeinsame Erlebnisse sind der Treibstoff für Liebe – sie können eine Beziehung festigen, aber auch auf die ­Probe stellen. Ob beim Elternsein, Umzug quer durchs Land, bei Verlusten oder späterem Ruhestand: Wer dabei an unserer Seite war, werden wir nie vergessen. Genau das macht die Erinnerungen besonders wertvoll. Aus solchen Momenten entstehen Insider-Witze, kleine Rituale und all die Bausteine, die eine Beziehung wirklich stark machen.

Text: Sarah Burth